Hochsensibilität – Fluch oder Segen?

von | Apr 14, 2020

Hochsensible Menschen verfügen über ein äußerst empfindliches Nervensystem. Daher prasselt tagtäglich eine wahre Flut an Reizen und Informationen auf sie ein. So sind HSP schnell reizüberflutet und erreichen den für sie unangenehmen Zustand der Überstimulation viel schneller als andere Menschen.

Ein simpler Besuch in einem Einkaufszentrum kann für HSP zum wahren Horrortrip werden. Eine große Ansammlung von Menschen, grelle Beleuchtung, Hintergrundmusik, piepsende Kassen, Diebstahlssicherungen, die Alarm geben sowie eine Unzahl von Produkten. Für andere ganz normal, für HSP schnell eine Lawine an Überforderung. Zusätzlich zu diesen Eindrücken von außen nehmen viele HSP auch noch die Stimmungen der anwesenden Menschen wahr oder übernehmen diese unter Umständen sogar. All dies kann enormen Stress und Druck erzeugen, der erst allmählich wieder abnimmt, wenn man das Einkaufszentrum verlässt und sich in einen sicheren, ruhigen Bereich zurückziehen kann. Durch die intensive Reizwahrnehmung und -verarbeitung ermüden HSP in der Regel schneller und brauchen in Folge Ruhe und Zeit für sich, um sich wieder zu regenerieren. Andererseits verfügen viele HSP aber auch über ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit und vernetztes Denken.

HSP haben meist einen hohen Anspruch an sich selbst und neigen zum Perfektionismus.

Sie haben Schwierigkeiten, sich abzugrenzen und wollen es oft allen recht machen. Sie neigen auch dazu, ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen oder gar nicht wahrzunehmen.

Die schnelle Reizüberflutung kann leicht zu Dauerstress ausarten, der das Immunsystem schwächt. Auch chronische Magen-Darm-Erkrankungen, chronische Muskelverspannungen und erhöhte Schmerzempfindlichkeit können die Folge sein. Je hektischer, komplexer und reizintensiver Berufs- und Privatleben sind, umso schneller stoßen HSP an ihre Grenzen. Eine hohe Stressbelastung stellt somit auch eine Gefährdung für physische und psychische Erkrankungen dar. Auch ist es wenig förderlich, dass ihr stark entwickeltes inneres Wertesystem oftmals klar von den Werten einer Leistungsgesellschaft abweicht. HSP haben einen hohen Anspruch an sich selbst und oftmals Angst vor Zurückweisung.

Das Leben von HSP beschränkt sich aber nicht nur auf die Wahrnehmung von und den Umgang mit negativen Reizen. Ihr empfindliches Nervensystem versetzt sie auch in die Lage Musik, Kunstwerke, feine Düfte, Vogelgesang, köstliches Essen usw. besonders gut wahrzunehmen, zu genießen und sich daran zu erfreuen.

Hochsensible Menschen haben ein stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und ein gutes Gespür für andere Menschen und verfügen über hohe soziale Kompetenz. Sie spüren intuitiv, sobald etwas nicht „stimmt“. HSP haben eine rege Fantasie und eine ausgeprägte Vorstellungskraft, weshalb äußere Reize vielfältige Vorstellungen und Gedankenassoziationen in ihnen auslösen können. Sie sind häufig sehr kreativ, verfügen über eine starke Intuition, sie sind empathisch und bewusster als Nicht-HSP, naturverbunden und häufig spirituell veranlagt. In diesem Zusammenhang wird oft der Begriff „Hochsensitivität“ verwendet.

HSP haben einen besonderen Blick auf die Welt.

Sie erfassen komplexe Zusammenhänge meist intuitiv und blitzschnell. Ihre Lösungsansätze sind oft ungewöhnlich, umsichtig und vorausschauend. Nicht selten sind sie künstlerisch begabt und verfügen über ein reiches Innenleben und eine starke Lebendigkeit.

Viele hochsensible Menschen leben mit dem Empfinden, anders zu sein, sich fremd zu fühlen oder irgendwie nicht dazu zu gehören. In ihrer Herkunftsfamilie fühlen sie sich unter Umständen unverstanden und als Außenseiter.

Für viele hochsensible Menschen ist es eine große Erleichterung zu erfahren, dass es den Begriff der Hochsensibilität gibt, der ihre Andersartigkeit erklärt und ihr einen Namen gibt. Die Erkenntnis, dass nichts an mir „falsch“ ist, dass ich nicht „verkehrt“ bin, kann ungemein befreiend sein.

Manche HSP fühlen sich als Opfer ihrer Hochsensibilität, andere hingegen empfinden sich als etwas Besonderes und werden nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass sie hochsensibel sind. Ich teile keine dieser Positionen. Zweifelsohne kann es mühsam sein, das weiß ich aus eigener Erfahrung, ständiger Reizüberflutung und dem damit verbundenen Stress ausgesetzt zu sein. Aber Hochsensibilität ist keine Störung oder Krankheit! Ein erster Schritt ist es, zu akzeptieren, dass man hochsensibel ist und dass man an dieser Tatsache nichts ändern kann. Hochsensibilität und Hochsensitivität können sich zum Potenzial entwickeln, wenn sie erkannt, akzeptiert und integriert werden. Je mehr HSP über sich selbst wissen und ihre Hochsensibilität als Gabe zu schätzen lernen, umso mehr können sie dieses Potenzial der Hochsensibilität auch wirklich leben.

Es ist nötig, sich ernsthaft mit sich selbst auseinanderzusetzen, zu reflektieren, Eigenverantwortung zu übernehmen und gut für sich zu sorgen.

Elaine N. Aron schreibt im Vorwort von Ted Zeffs Buch „The Power of Sensitivity“ :

The only disadvantage to being an HSP, which comes up again and again and must be dealt with, is that we are easily overwhelmed by all the stimuli in the world, bombarding us as we try to stay attuned to these depths. That is simply part oft the package. … The world so desperately needs those who observe, reflect, and then speak up with both passion and logic. That is the formula for a better world, and the formula is inherent in the inborn survival strategy of HSPs. Sometimes we are wrong and need to process that, too. But usually, at the very least we are bringing up something that others have not thought of. Because of the technological powers of our species, this consideration of all sides of an issue is essential for the well-being not only of humans, but of the entire living world.

Es ist an der Zeit, dass wir als hochsensible / hochsensitive Menschen unsere besondere Veranlagung akzeptieren und all ihre positiven Aspekte wertschätzen und umarmen.
Die Welt braucht hochsensible Menschen. Gerade in der heutigen Zeit sind wir als HSP aufgefordert, unsere besonderen Qualitäten und Begabungen, jeder und jede an ihrem Platz, einzubringen für eine lebenswerte Zukunft zum Wohle der Menschheit und unseres Planeten. Wenn wir unsere eigene Hochsensibilität und Hochsensitivität als Gabe und als Geschenk verstehen, als eine Stärke, die gelebt werden will, muss dies nicht mühsam und schwer sein, sondern darf durchaus in Freude und Leichtigkeit geschehen und Grundlage eines sinnerfüllten, schönen Lebens sein.

Ted Zeff, Ph.D.: The Power of Sensitivity. Success Stories by Highly Sensitive People Thriving in a Non-sensitive World. – San Ramon: Prana Publishing, 2015

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Blog-Autorin Ilia Ambros

Als Expertin für Hochsensibilität unterstütze ich Menschen auf dem Weg zu einem leichteren Leben mit ihrer Begabung.

 

Als EFT-Praktikerin gebe ich Ihnen eine Technik in die Hand, um Ängste und Blockaden zu überwinden. Kontaktieren Sie mich und erzählen Sie mir, wobei ich helfen kann.
 
 

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